Dem Schaa sei Schoppedeckelche

Dem Schaa sei Schoppedeckelche


Im Alter von 22 Jahren kam Bernd nach Frankfurt. Die Stadt gefiel ihm und bot neue berufliche Möglichkeiten für den jungen Schaufensterdekorateur.

Eines Sonntagmorgens machte Bernd sich auf nach Sachsenhausen, um die typische Apfelweinkultur der Stadt am Main zu erkunden. Im „Losbacher Tal“, einer der alten, traditionellen Apfelweinwirtschaften des Stadtteils, kehrte er ein. Die Wirtschaft war gut besucht, aber an einem der Tische im Garten waren noch ein paar Plätze frei. Dort saßen vier ältere Herren, die sich angeregt unterhielten. Auf dem Tisch stand ein Bembel und die Herrschaften ließen sich den Apfelwein schmecken.

Bernd, der stets offen und kontaktfreudig war, trat an den Tisch und fragte höflich, ob er sich dazusetzen dürfe.

Die vier Männer musterten ihn kurz, aber freundlich. „Ei sischer doch, komm, hock disch dezu, Bub!“. Bernd nahm Platz. „Des is de Schorsch, der mit de Kapp is de Jockel, der aale Babsack do ist der Hannes un isch bin de Schaa“, stellte Schaa sich und die Runde vor. „Angenehm, ich heiße Bernd.“ „Basst schon, Bub.“ Als Jüngster in der Runde war man halt „De Bub“.  

Schnell kam ein weiteres Glas auf den Tisch und Jockel schenkte dem „Bub“ ein. Dem wollte der Apfelwein erst garnicht so recht schmecken, jedenfalls verzog er deutlich sichtbar das Gesicht. „De Schobbe schmeckt erst nach‘em dritte“, warf Hannes ein. Und tatsächlich, mit jedem Schluck fand Bernd mehr Gefallem am „Stöffsche“ und so wurden noch einige Bembel geleert.

Bernd waren gleich die merkwürdigen Holzdeckel aufgefallen, mit denen die Zecher ihre Gläser bedeckten. Jeder in der Runde hatte seinen eigenen und kein Deckel glich dem Anderen. „Was hat es denn mit diesen Holzdeckeln auf sich, die ihr auf Eure Gläser legt?“, fragte Bernd neugierug. „Also geb Obbacht, des is so…“, setzte der Jockel an, „mer sitze hier unner‘em große Baam. Do fällt immerzu Dreck un Viehzeusch erunner. Un damit des ned in de  Schobbe fällt, kimm des Deckelsche uffs Glas.“ „Jawoll, un damit dem Hannes sei feuscht Aussprach nach’em sibbde Schoppe net des herrlische Getränk verwässern duht“, ergänzte Schorsch mit einem breiten Grinsen. Hannes verdrehte die Augen. „Awwer genaugenomme verhinnern die Deggelscher, dass zuviel von dem leggere Äppelwoi verdunsde duht und des feine Aroma sich verflüschdischd“, wusste Schaa noch beizusteuern. Aha…

Zwar hatte man Bernd noch Tipps gegeben, wo er so einen Schoppedeckel herbekommt, aber der hatte es irgendwie nie geschafft, sich einen zu besorgen.

Wann immer es seine Zeit erlaubte, gesellte sich Bernd zu seinen neuen Freunden, die ihn so nett in ihre sonntägliche Stammtischrunde aufgenommen hatten. „Ei guude Bub, da bisde ja widder!“, wurde er immer gegrüßt. Doch eines Abends fiel die Begrüßung deulich knapper aus. „Gude“. Schorsch, Jockel und Hannes waren sehr still und dem Schaa sein Platz war leer. „Wo ist denn Schaa?“, wollte Bernd wissen. Die drei Männer schwiegen.

Nach einiger Zeit räusperte sich Schorsch. „Bub, der gude Schaa is letzt Woch fer immer von uns gegange. Der petz sein Schobbe jetzt mit’em Petrus, obbe im Himmel.“ Seine sonst so kräftige Stimme zitterte. Es dauerte einen Moment, bis er sich wieder gefangen hatte. Etwas umständlich kramte er en kleines, notdürfitg in Zeitungspapier eingeschlagenes Päckchen aus der Jackentasche. „Hier Bub, des is fer disch. Uff’em Sterbebett musst isch dem Schaa verspresche, das isch dir des geb. Du sollst es in Ehren halten.“

Bernd war den Tränen nahe, als er das Päckchen auswickelte. Es war dem Schaa sein Schoppedeckelchen. Das Deckelchen, dass Schaa wohl an die fünfzig Jahre immer bei sich hatte und das Bernd bei jedem Treffen  bewundert hatte. Aus dem Bub war nun ein echter Apfelwein-Geschworener geworden.

„Hier im Himmel gib´s kaa Bääm, kaan Dreck und kaa Viehzeusch. Un aach kaa Engelscher, die wo beim Babbeln speuze duhn. Da kann isch gut uff mei Deckelsche verzischte“, dachte der gute Schaa, lachte  verschmitzt und prostete seinen Kumpanen und seinem „Bub“ fröhlich von seiner Wolke aus zu.

Tja, das war sie, die Geschichte vom Schaa seim Schoppedeckelche. Auch wenn die Charaktere etwas verändert wurden, genau so hat sie sich Mitte der 1970er Jahre im „Lorsbacher Tal“ zugetragen. Das Schoppedeckelche ging leider irgendwann verloren, aber die Geschichte wird dem „Bub“ von damals wohl immer in Erinnerung bleiben.

Erzählt nach einer Erinnerung von Herrn Bernd Irrgang (Frankfurt am Main) im September 2022
Vielen Dank!


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