Zur Eulenburg

Die Geschichte der ‚Eulenburg‘


Vorwort

Die Gastwirtschaft „Zur Eulenburg“ in Frankfurt Bornheim war fast 300 Jahre eine feste Institution im Stadtteil. Am 3. Juni 2012 endete diese Tradition nach sechs Generationen im Familienbesitz, in denen sich die ‚Eulenburg‘ von einer einfachen bäuerlichen Wirtschaft zu einer über Frankfurt hinaus bekannten und beliebten Gaststätte entwickelt hatte.

Historie

Wann genau die Geschichte der ‚Eulenburg‘ begann, lässt sich heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Die erste Erwähnung der Gärtnerei und Gaststätte findet sich im ‚Bornheimer Lagerbuch‘ von  1732 als „Charte 1, Nr. 98“. Das Grundstück maß „1 Viertel und 33,8 Ruthen“ (alte Frankfurter Maßeinheit) und befand sich im Besitz von Johann Eckhard.

Die alte Hofreite ‚Nr. 18‘ erhielt nach der Eingemeinung Bornheims zu Frankfurt (1877) die Adresse ‚Eulengasse 46‘. In dem historischen, zweistöckigen Fachwerkhaus in direkter Nähe zur Johanniskirche wurde bis ca. 1900 (hier variieren die Quellen um wenige Jahre)  Apfelwein ausgeschenkt.

Bornheim war, wie viele andere Ortslagen in und um Frankfurt, füher vor allem Weinanbaugebiet. Das legt die Vermutung nahe, dass auch Familie Eckhard anfangs Traubenwein ausgeschenkt hat. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verlor der Weinanbau aber stark an Bedeutung. Viele Weinbauern, früher ‚Hecker‘ genannt‘ stellten auf Obstbau um und kelterten Apfelwein, den sie in ihren ‚Heckenwirtschaften‘ auschenkten. Die Gaststätte von Johann Eckhard war wohl die letzte dieser ‚Heckenwirtschaften‘ in Bornheim.

Familie Jockel und Erben – Sechs Generationen Gastronomietradition

Nachdem im 19. Jahrhundert öfter die Besitzer der Liegenschaft wechselten, übernahmen im Juli  1852 Johann Andreas Jockel und seine Ehefrau Maria Elisabeth (geb. Schuch) das Anwesen, das fortan im Besitz der Familie Jockel und ihrer Nachkommen blieb. 1899 wurde ein neues, dreistöckiges Fachwerkhaus errichtet, das die Gaststätte beherbergte. Das alte zweigeschossige Haus wurde als Wohnhaus genutzt, 1944 aber im Krieg zerstört, ebenso ein Seitenteil des Neubaus. Nach dem Krieg musste ein Teil des Grundstücks im Zuge des Ausbaus der Eulengasse an die Stadt abgetreten werden. Auf der verbleibenden Brache wurde kurzerhand die bereits bestehende Gartenwirtschaft erweitert.

Christoph Jockel, ältester Sohn der Familie, und seine Ehefrau Katharina führten die Gärtnerei und Gaststätte, bis Christoph 1929 starb. Katharina betrieb die Gaststätte bis zu ihrem Tod 1942 weiter. Ihre Tochter Johanna führte den Betrieb, der zwischeneitlich kurz verpachtet war, zusammen mit ihrem Ehemann Wilhelm Münch, der aber bereits 1939 verstarb. So war es an Johanna Münch und ihrer Tochter Rosel, das Lokal durch die schwierigen Kriegsjahre zu bringen, was den beiden wohl gut gelang.

Nach dem Krieg heiratete Rosel Münch den aus den Kriegsheimkehrer Otto Rumeleit und das Ehepaar führte die Wirtschaft zusammen mit Rosels Mutter, die 1969 verstarb. Die Bornheimer Bevölkerung hatte nach den Entbehrungen der Kriegsjahre viel nachzuholen und strömten in Scharen in die angesehene Wirtschaft.

Als Otto Rumeleit , der über 50 Jahre das Gesicht der ‚Eulenburg‘ war, 1999 starb, herrschte tiefe Trauer in ganz Bornheim. Otto Rumeleit war neben seiner Tätigkeit als Gastwirt noch in viele Ehrenämtern tätig. Einige seiner Aufzeichnungen dienten mir als Recherchequellen.

Otto Rumeleits Tochter Margit und ihr Ehemann Dirk Henze, der 2005 bei einem Unfall ein Bein verlor und einige Jahre später durch Krankheit auch des zweite, arbeiteten bereits seit 1968 im Betrieb mit und führten die Gaststätte bis zu ihrer Schließung 2012.

Aus Küche und Keller

Bis 2004 wurde in der ‚Eulenburg‘ noch selbst gekeltert. Das Äpfel dafür stammte von eigenen Streuobstwiesen im Vordertaunus. Der große Apfelweinkeller mit seinen imposanten Holzfässern waren über Generationen der ganze Stolz der Betreiber. Als die Apfelweinherstellung im großen Stil  aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben werden musste, bezog man einen hervorragenden Schoppen aus dem Odenwald (Kelterei Krämer). Die Streuobstwiesen wurden aber weiter gepflegt, da Most und ‚Süßer‘ weiterhin selbst gepresst wurden.

Bereits seit kurz nach dem Krieg wurde in der ‚Eulenburg‘ wieder eigene Wurst produziert. Ansonsten gab es deftige Frankfurter Hausmannskost. 1994 übernahm Christoph Henze, Sohn von Margit und Dirk, der im renomierten ‚Frankfurter Hof‘ sein Handwerk erlernt hatte, den Posten des Küchenchefs. Überliefert sind seine Eigenkreationen ‚Bernemer Pizza‘ (gebratene Blutwurst mit Eiern) und sein ‚Schnitzel-Max‘.

1994 wurde auch das im Krieg zerstörte Seitenteil des Haupthauses wieder aufgebaut. Dabei wurde die Küche erweitert und ein neuer Apfelweinkeller gebaut. Die Wirtschaft selbst erhielt einen vierten Gastraum.

Die Eulenburg und ihre Gäste

Apfelwein vereint alle Generationen und führt Menschen aller Berufe zusammen. So verkehrte auch in der ‚Eulenburg‘ ein buntes Völkchen aus nah und fern, von einfachen Bürgern, über prominente Künstler, bis hin zu den Stadtoberhäuptern mit ihren Gästen. Beim Apfwelwein saß man einträchtig zusammen.

In Bornheim war schon immer viel los und die Geselligkeit wurde hoch geschätzt. Viele Vereine, unter ihnen der noch junge Fußballverein FSV Frankfurt (gegr. 1899), der Bornheimer Musikverein von 1843 oder der Jagdverein Nordost hielten lange Jahre ihre wöchentlichen Vereinsabende in der ‚Eulenburg‘ ab. Auch an den früher üblichen großen Stammtischen herrschte kein Mangel.

Nach dem Wiederaufbau 1994 bot das Lokal rund 200 Gästen Platz. Doch auch das reichte nicht aus, um die steigenden Gästezahlen zu bewältigen. Alle Plätze wurden für das stetig wachsende Tagesgeschäft benötigt. Für die regelmäßigen Vereinsabende blieb kein Platz mehr. Einige lösten sich daraufhin sogar auf. Gelegentliche Veranstaltungen fanden aber weiterhin statt, darunter die beliebten ‚BernemerBabbelabende‘, die regelmäßig den großen Saal aus allen Nähten plazen ließen. 

Die Eulen

Wie bereits erwähnt lag das Lokal nach der Eingemeindung Bornheims zu Frankfurt in der Eulengasse. Daher wohl auch der Name. Und da der ja bekanntlich Programm ist, haben Margit und Dirk Henze rund 40 Jahre Eulen gesammelt. Zunächst ausgestopfte Exemplare, später auch Nachbildungen. In einem Setzkasten standen alleine etwa 50 Mini-Eulen aus Glas, Porzellan oder Ton. Für einen großen holzgeschnitzten Uhu von einer Berchtesgadener Künstlerin hat Margrit Henze einmal fast 700 Mark bezahlt. „Ich hab mir gesagt, du bist verrückt, aber dann bin ich doch noch mal zurückgegangen.“

Die Wirtin selbst hat die Zahl ihrer Eulen auf „vielleicht so 150“ geschätzt. Die Lebensgefährtin von Sohn Christoph wird zitiert „Ich glaube, es sind mehr.“

Wie auch immer, das Lokal war eine ‚Eulenburg‘ im wahrsten Sinne des Wortes.

Das unwiederrufliche Ende

Die Onlineausgabe der ‚Frankfurter Allgemeine Zeitung‘ berichtete am 10.5.2012 über die bevorstehende Schließung der ‚Eulenburg‘. „Mein Leben war nur die ,Eulenburg’. Das tut weh.“, wird Margit Henze darin zitiert. Verständlich.

Lange Zeit habe sie im Stillen nach einem Nachfolger gesucht, wollte ihren Abschied nicht an die große Glocke hängen. „Das war ein Fehler“ gestand sie der FAZ gegenüber. Notgedrungen habe sie letztendlich an einen Bauherren verkauft, der auf dem Grundstück Wohnungen errichten und auch das alte Fachwerkhaus in moderne Wohnungen umbauen wolle. 

Am 2. Juni 2012 ließen es die Stammgäste bei einer Abschiedsparty mit Livemusik noch einmal so richtig krachen. Nach unbestätigten Berichten sind dabei aber auch reichlich Tränen bei allen Beteiligten geflossen.   

Das unwiederrufliche Ende war dann der 7. Juni 2012, als im Rahmen eines großen Flohmarkts das komplette Interrieur verkauft wurde. Viele Stammgäste hatten sich schon lange vorher einen Bembel, ein paar Gläser oder eine der vielen Eulen, die die Henzes über die Jahre gesammelt hatten, reserviert. Es wird sogar von einem Gast berichtet, der den Tisch mitnahm, an dem er 35 Jahre lang regelmäßig gesessen hatte. Einige der ausgesopften Vögel bekam das Senckenberg-Museum für seine Sammlung.

Am 30. Juni 2012 wurde die ‚Eulenburg‘ dann endgültig an den neuen Eigentümer übergeben und ein weiteres Stück Apfelweintradition ist unwiederbringlich verloren.

Doch zumindest ein kleiner Teil der ‚Eulenburg‘ ist heute noch zu bewundern. Einige der  wunderschönen historischen Wandvertäfelungen fanden 2013 ein neues Domizil im frisch renovierten Seitenanbau der ‚Lohrberg-Schänke‘.

Zu gerne hätte ich in meiner Sammlung ein paar hisorische Stücke aus der ‚Eulenburg‘. Bislang ist es leider nur ein alter Bierdeckel.     


Danke an Harald Fester, der seine Fotos beigesteuert hat!

Quellen:
Broschüre „Abschied von der Eulenburg“, Familie Henze, 2012
Broschüre „Alt-Bernem zappt“, Rummeleit & Henze KG
https://www.fr.de/frankfurt/letzte-runde-eulenburg-11322663.html
https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/kneipensterben-in-bornheim-im-traurigen-dorf-11747336.html  

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